Der Interdisziplinäre Arbeitskreis Dritte Welt
und das Studium generale
laden zu folgendem Symposion ein:

FUNDAMENTALISMUS IN DER DRITTEN WELT

Freitag, 29. Januar 1999, 14.15 – 20.15 Uhr
Samstag, 30. Januar 1999, 9.00 – 14 Uhr

Senatssaal (Nat. Fak., Becherweg 21, 7. OG)

 (Anmeldung)
Freitag, 29. Januar 1999

14.15 Uhr

14.30 Uhr PD Dr. Andreas GRÜNSCHLOSS (Mainz)

Was heißt "Fundamentalismus"? – Zur Eingrenzung des Phänomens aus religionswissenschaftlicher Sicht 16.00 Uhr Dr. Ulrich FANGER (Freiburg) Kinder des Lichts? – Freikirchlicher Fundamentalismus in Zentralamerika, am Beispiel Costa Ricas 17.30 Uhr Dr. Karola ELWERT-KRETSCHMER (Berlin) Modernisierung ohne Entzauberung. Zum Niedergang endogener Kulte und die Entstehung einer neuen Religiosität in Benin 19.00 Uhr Prof. Dr. Konrad MEISIG (Mainz)
 
(Anmeldung ,Freitag, Ende)
Samstag, 30. Januar 1999

09.00 Uhr Prof. Dr. Moshe ZIMMERMANN (The Hebrew University of Jerusalem)

10.30 Uhr Prof. Dr. Friedemann BÜTTNER (Berlin) 12.00 Uhr Dr. Volker S. STAHR (Wiesbaden) 13.00 Uhr Schlußdiskussion

Ende der Tagung gegen 14.00 Uhr

(Freitag,Samstag, Ende)
Anmeldung im Studium generale

(SB II, Colonel-Kleinmann-Weg 2, 5. Stock, Tel. 39-4649 oder 39-5660)

 

Dr. Andreas GRÜNSCHLOSS (Mainz)

(Anmeldung ,Freitag,Samstag, Ende)
Was heißt "Fundamentalismus"? – Zur Eingrenzung des Phänomens aus religionswissenschaftlicher Sicht

Der Begriff "Fundamentalismus" ist zu einer polemischen Vokabel avanciert, mit der unterschiedliche Phänomene aus Politik, Gesellschaft, Kultur und Religion etikettiert und stigmatisiert werden. Je nach Verwendungszusammenhang sagt dieser interpretationsimprägnierte Begriff viel über die Perspektive des Autors bzw. der Autorin aus – und nicht nur über die damit angesprochenen Menschen oder Gruppen. Die kaum auszumerzenden negativen Konnotationen erschweren zudem die Etablierung des Konzepts in der religionswissenschaftlichen Metasprache. Dennoch gibt es in der Religionswissenschaft Versuche, den Begriff so einzugrenzen, daß er sich zu einer deskriptiven Erfassung bestimmter religiöser Phänomene einsetzen läßt. Der Beitrag unternimmt eine Sichtung dieser metasprachlichen Bemühungen zur Begriffsbestimmung, die u.a. auch mit Rücksicht auf den objektsprachlichen Ursprungskontext erfolgt sind (christlich-konservative Erneuerungsbewegungen in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts).

Religionswissenschaftlich stellt sich "Fundamentalismus" als distinkte religiöse Reaktion auf eine komplexere Konfliktlage dar. Er wurzelt in einem massiven Unbehagen in der Moderne, reagiert auf eine große Sehnsucht nach unbedingter Geborgenheit, Sicherheit und Eindeutigkeit und kann sich an verschiedene religiöse Traditionen anschließen. Die typische Reduktion des Problemgemenges auf wenige "grundlegende" Variablen soll einen einfachen, klaren und verbindlichen Weg aus der Unübersichtlichkeit einer beängstigenden Krise weisen. Durch die Restitution des (vermeintlich) "Ursprünglichen" wird die unerträgliche Verunsicherung nicht nur in "tragbare" Unsicherheit, sondern v.a. in die Absolutheit eines allein rettenden, sicheren Wissens überführt. – Probleme entstehen bei dieser Reaktionsform durch die militant dualistische Penetration der Umwelt und die hermeneutische Intransigenz einer fundamentalistisch reinterpretierten Religion: Ihre allergische Ausschaltung alles "Anderen" kann bis an die Form einer "Selbstprogrammierung" reichen und gewährt daher nur sehr wenig Möglichkeiten, die eigenen Grenzen umweltsensitiv und selbstrelativierend zu entschränken.

 

Dr. Ulrich FANGER (Freiburg)

(Anmeldung ,Freitag,Samstag, Ende)
Kinder des Lichts? – Freikirchlicher Fundamentalismus in Zentralamerika, am Beispiel Costa Ricas

In den zentralamerikanischen Ländern zeigt sich ein fortschreitender Prozeß der religiösen Pluralisierung; er ist ein Ergebnis des sozialen und kulturellen Wandels. Das Entstehen religiöser Vielfalt läßt sich auch darauf zurückführen, daß Costa Rica in den 60er Jahren eine Art "Religiöses Laboratorium" für Mittelamerika darstellte, in dem nordamerikanische Freikirchen ihre Missionsarbeit dort einleiteten.

Die verfügbaren Daten bzw. Schätzungen über die Religionszugehörigkeit belegen ein außerordentliches Wachstum neuer religiöser Bewegungen in Costa Rica: 1960 wurden ganze 1,3 % der Bevölkerung zu den Evangelikalen gezählt; 1995/96 wurde ihr Anteil bereits auf zwischen 13 und 16 % veranschlagt. Dabei müssen drei Gruppen unterschieden werden: der historische Protestantismus, die Evangelikalen und die Pfingstbewegung. Nur rd. 78 % der Befragten gehören noch der katholischen Kirche an. Die Mehrheit der Nicht-Katholiken sammelt sich in den zahlreichen Pfingstkirchen, insbesondere der Asamblea de Dios. Die Anhänger der freikirchlichen Vereinigungen entstammen nicht – wie vielfach noch vermutet wird – überwiegend den ärmsten und am stärksten marginalisierten Teilen der Bevölkerung. Zwar befanden sich unter den Mitgliedern der Pfingstgemeinden überproportional viele Stadtmigranten, diese hatten aber größtenteils bereits einen – wenn auch bescheidenen – wirtschaftlichen Aufstieg durchlaufen. Daraus muß der Schluß gezogen werden, daß der freikirchliche Protestantismus in Costa Rica bereits zur Religion der Mittelschichten geworden ist. Diesem Verlagerungsprozeß entspricht im übrigen auch der Trend zu einer allmählichen Abkehr von extrem rigiden Moralvorgaben, wie sie früher für die Pfingstlergemeinden kennzeichnend war.

 

Dr. Karola ELWERT-KRETSCHMER (Berlin)

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Modernisierung ohne Entzauberung. Zum Niedergang endogener Kulte und die Entstehung einer neuen Religiosität in Benin

Der Versuch politischer und religiöser Eliten, die Vodunkulte im Benin der 90er Jahre zu fundamentalisieren, ist fehlgeschlagen. Es erwies sich als politischer Fehlgriff, nationale Identität über Religion konstruieren zu wollen. Die Ablehnung und Widerständigkeit der Bevölkerung kann jedoch nicht als Säkularisierungstendenz interpretiert werden, denn die Abkehr von den Vodunkulten – die Kritik richtete sich gegen die Verflechtung von Religion mit Ökonomie und politischer Macht – führte in neue Formen von Religiosität. Die Attraktion der neuen Religionen läßt sich nur auf dem Hintergrund der Kritik an den Vodunkulten verstehen und dem Wunsch nach einer herrschaftsfreien Religion. Diese Kritik "von unten" ist selbst nicht modern, sondern wurde schon vor Jahrhunderten in den zeitgenössischen Quellen erwähnt. Sie konnte jedoch erst unter den Rahmenbedingungen der Moderne in neue Strategien umgesetzt werden.

 

Prof. Dr. Konrad MEISIG (Mainz)

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"Mutter Indien" – Die Göttin des Polit-Hinduismus

Bharatmata, "Mutter Indien", die jüngste unter den Göttinnen des Hinduismus, ist dabei, auch die populärste zu werden. Das liegt an ihrer politischen Natur: Sie gilt ihren Verehrern als die Personifikation des Bodens, des Landes und der Nation Indien, als Mutter ihrer Kinder, der Inder. Daher rührt ihre Attraktivität für die Politiker, für rechte wie für linke, für den gewalttätigen Hindu-Faschismus oder -Fundamentalismus ebenso wie für die gewaltfreien Gandhi-Nachfolger. Beide Lager führten Bilder und Figuren der "Mutter Indien" bei den nationalistischen Kundgebungen zum fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit Indiens im August des Jahres 1997 mit sich. Der fulminante Wahlerfolg der rechtsradikalen Hindu-Partei BJP (Bharatiya Janata Party), die man als den legalen politischen Arm der militanten Hindufundamentalisten ansehen muß und die seit dem 19. März des Jahres 1998 die neue Regierung stellt, läßt sich nicht zuletzt mit ihrer äußerst geschickten populistischen Wahlstrategie erklären. Ein wichtiger Teil des Wahlkampfes war die Propagierung eben der Göttin "Mutter Indien". Der Vortrag untersucht auch die Wurzeln des Kultes dieser Göttin und ordnet sie in den Zusammenhang und die aktuellen Entwicklungen des Polit-Hinduismus ein.

 

Prof. Dr. Moshe ZIMMERMANN (The Hebrew University of Jerusalem)

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Wenn eine Nation in Religion aufgeht: Fundamentalismus in Israel

Für eine Ideologie wie dem Zionismus, der in seinen Anfängen im Grunde eine antireligiöse Bewegung war, müßte das Phänomen des religiösen Fundamentalismus eigentlich a priori ein Widerspruch in sich sein. Wenn wir heute jedoch in Israel fundamentalistische Züge oder die Gefahr eines religiösen Fundamentalismus zu erkennen glauben, so gibt es dafür mehrere Gründe und Erklärungen, die zum einen bis zu den Wurzeln der Bewegung im 19. Jahrhundert zurückreichen, zum anderen jedoch auf Entwicklungen nach der Gründung des Staates Israel 1948 zurückgreifen: der untrennbare Zusammenhang von Nation und Religion im Judentum, die gesellschaftliche Funktion von religiösen Symbolen innerhalb der zionistischen Bewegung und im Staat Israel sowie das starke Aufleben jüdisch-religiöser Symbolik durch die Eroberung biblischer Stätten im Westjordanland während des Sechs-Tage-Krieges von 1967; das Versagen der Moderne; der Verlust der Anziehungskraft des liberalen und sozialistischen Lagers in Israel; die Verbreitung eines muslimischen Fundamentalismus in der arabischen Welt (und damit auch in Israel und Palästina) sowie der indirekte Einfluß des amerikanisch-religiösen Fundamentalismus.

Die Akkumulation dieser Elemente im Kontext des arabisch-israelischen Konflikts im Nahen Osten schafft ein explosives fundamentalistisches Potential in Israel.

 

Prof. Dr. Friedemann BÜTTNER (Berlin)

(Anmeldung ,Freitag,Samstag, Ende)
Fundamentalistische Bewegungen im Vorderen Orient

In keiner Region der "Dritten Welt" treten fundamentalistische Bewegungen so geballt auf wie im Vorderen Orient. Ihr Spektrum reicht von einem politisierten Traditionalismus, wie er zunächst durch die Muslimbruderschaft in Ägypten und die von ihr angestoßenen Bewegungen in anderen Ländern repräsentiert wurde, über radikalisierte Formen von Fundamentalismen bis hin zu revolutionären Bewegungen, die bereit sind, ihren absoluten Wahrheitsanspruch auch mit Gewalt durchzusetzen. Gemeinsam ist allen im Ansatz, daß sie, orientiert an den Fundamenten der Religion, eine Erneuerung von Politik und Gesellschaft anstreben. Unterschieden sind sie u.a. in ihrem Verständnis der Fundamente, auf die sie sich beziehen, im Ausmaß der Ideologisierung religiöser Symbolbestände und in ihrem Politikverständnis. Am Traditionsverständnis, am Verhältnis zur Moderne und am Verhältnis zur Gewalt sollen zunächst die Unterschiede zwischen verschiedenen fundamentalistischen Bewegungen herausgearbeitet werden. In einem weiteren Schritt sollen die Bewegungen dann mit anderen verglichen werden. Ausgangspunkt ist dabei die über alle Unterschiede hinweg zu beobachtende Gemeinsamkeit, auf unerträgliche Konsequenzen rapiden sozialen Wandels zu reagieren. Die Bewegungen werden um so radikaler, je verbohrter ihre Führer mit ihrer als sicher gewußten Wahrheit umgehen.

 

Dr. Volker S. STAHR (Wiesbaden)

(Anmeldung ,Freitag,Samstag, Ende)
Südostasien und der Islam

"Südostasien" und der "Islam" stehen seit Jahren auf der Agenda der internationalen Politik – allerdings als zwei unterschiedliche Themen. Wenig bekannt ist, daß ein Fünftel der muslimischen Weltbevölkerung allein in Südostasien lebt. Umgekehrt machen Muslime fast die Hälfte der Einwohner Südostasiens aus. Daraus ergeben sich folgende Fragen. Welche Rolle spielt der Islam für Südostasien? Welche Rolle spielen Südostasien und der dortige Islam für den Weltislam? Welche Bedeutung hat hier der Fundamentalismus? Und anschließen könnte man die Frage: Welche Rolle spielen Südostasien und der Islam im "Kampf der Kulturen"?


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