Im Rahmen des Themenschwerpunktes


WAS IST GLÜCK?


lädt das Studium generale zu folgendem Vortrag ein
:

Prof. Dr. med. Hans-Volkhart Ulmer (Mainz)


Das sportliche Wettkampfergebnis:
Glückssache oder berechenbares Ereignis?
Oder: vom "Glück" der Außenseiter*)


Dienstag, 7. Januar 2003, 18.15 Uhr, Hörsaal N 3 (Muschel)
Glück gehabt - und die Kehrseite: Pech gehabt - sind geflügelte Worte im Wettkampfsport; ist aber der Wettkampf ein Glücksspiel? Dem stehen wissenschaftliche Betrachtungsweisen gegenüber, die von einer Berechenbarkeit und Machbarkeit eines sportlichen Siegs ausgehen. Ähnlich wie in der Mechanik mit ihren Regeln, Gesetzen und Prinzipien wird davon ausgegangen, dass sich siegrelevante Abläufe vorprogrammieren und vorhersagen lassen.
Sportliches Leisten ist durch eine mosaikartige Fülle leistungsrelevanter Persönlichkeitsmerkmale bedingt, u. a. physiologischen, biochemischen, biomechanischen, mentalen und emotionalen. Diese sind oft nicht so, wie in der Mechanik, messbar und steuerbar. Meistens wissen wir nicht einmal, wie diese Anteile untereinander verrechnet werden, ob beispielsweise additiv, kompensativ, multiplikativ usw.
Objektiv erhobene Messergebnisse, also mit physikalischen bzw. chemischen Methoden erfasste Größen, geben nur ein reduziertes Abbild des Mosaiks leistungsrelevanter Faktoren wieder, reduziert wegen der nicht messbaren Einflussgrößen (z. B. taktische Intelligenz, Motivation). Da wir nur den Anteil der messbaren Persönlichkeitsmerkmale erfassen können und deren Verrechnung nicht kennen, können weder retrospektiv, noch prospektiv kaum Aussagen darüber getätigt werden, welch ursächlicher Zusammenhang zwischen einem gemessenen Persönlichkeitsmerkmal und der sportlichen Leistung besteht. Beliebte Korrelationsanalysen repräsentieren nur einen statistischen, keinesfalls einen ursächlichen Zusammenhang.
In den CGS (Centimeter, Gramm, Sekunde) -Individualsportarten lässt sich das Wettkampfergebnis immerhin noch in physikalischen Maßeinheiten erfassen, in den CGS-Mannschaftssportarten nur noch die Leistung der Mannschaft, nicht aber die des Einzelnen. In den kompositorischen Sportarten hängt das Glück des Siegers von den Preisrichtern ab.
Der Sieg kann auch manipuliert sein, ansonsten stellt die Wettkampfleistung das Ergebnis eines Zusammenspiels zahlreicher, schwer durchschaubarer Einflussgrößen in einem komplexen vernetzten System dar. Viele untereinander vernetzte Faktoren sind für "das Glück des Siegers" notwendig, hinreichend ist aber erst die Gesamtheit aller leistungsrelevanten Faktoren. - Anders als beim Roulette ist das Wettkampfergebnis aber nicht nur vom Zufall abhängig: Immer wieder berichten Athleten, sie hätten "im Kopf gewonnen". Offensichtlich existiert damit neben illegitimer Manipulation eine gewisse individuelle Steuerungsmöglichkeit des Glücksfalls, die aber wiederum nicht planbar und vorhersagbar ist. Für eine leistungshomogene Gruppe (wie es im Wettkampfsport üblich ist) sind daher der Machbarkeit und Vorhersagbarkeit eines Sieges im Einzelfall erhebliche Grenzen gesetzt. Sportwissenschaftler hätten daher große Probleme, nur auf der Basis ihrer Methoden Wetten auf einen Sieg abzuschließen. Favoriten und Außenseiter sind immer wieder für Überraschungen gut. Wissenschaftliche Betrachtungsweisen im Sport sollten sich deshalb hinsichtlich Machbarkeit und Vorhersagbarkeit menschlichen Leistens und Siegens im Einzelfall der Bescheidenheit befleißigen. Daher ist es berechtigt, dass Sportler nach wie vor von "Glück gehabt"/"Pech gehabt" sprechen. Der sportliche Wettkampf ist aber mehr als ein Glücksspiel, er wird u. a. auch "im Kopf gewonnen".


*)Glück: 1) günstige Fügung als Schicksal, günstiger Zufall, Begünstigung durch besondere Zufälle; 2) auf der Erfüllung ideeller oder materieller Wünsche beruhender Gemütszustand der inneren Befriedigung, frohen Zufriedenheit u. Hochstimmung (aus BROCKHAUS-WAHRIG, Deutsches Wörterbuch, 3. Bd., G-JZ, S. 253, Wiesbaden/Stuttgart 1981).


Prof. Dr. med. H.-V. Ulmer, Facharzt für Physiologie, Sportphysiologische Abteilung, FB Sport Johannes Gutenberg-Universität, 55099 MAINZ, http://www.uni-mainz.de/FB/Sport/physio/>

Nächster Vortrag in dieser Reihe:
Prof. Dr. Jürgen Blänsdorf (Mainz): Schwierigkeiten mit dem Glück - Seneca
Dienstag, 14. Januar 2003, 18.15 Uhr, Hörsaal N 3 (Muschel)

 

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