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Konstanze N'Guessan
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Vom Alten und vom Neuen - Ein Erinnerungsfest à la Ivoirienne

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Eintrag vom 7. August 2010
Konstanze N'Guessan


Nun hat auch das Land der Elefanten gefeiert: 50 Jahre Unabhängigkeit, 50 Jahre wechselhafte Geschichte zwischen dem "Wirtschaftswunderland" der 1960er und 1970er Jahre und der politischen Krise, deren Ende die Ivorer seit mittlerweile acht Jahren herbeisehnen. An der Côte d'Ivoire beging man deshalb ein besonderes Fest. Die majestätische Parade unter den Augen anderer Staatschefs in der neuen Hauptstadt Yamoussoukro wurde zugunsten einer kleinen nicht-öffentlichen Zeremonie auf der Esplanade des Präsidentenpalasts in der alten Hauptstadt Abidjan abgesagt. Die ausländischen Staatsgäste beschränkten sich auf den nigerianischen Vizepräsidenten.

(v.l.) Mamadou Koulibaly, Präsident der ivorischen Nationalversammlung, neben Premierminister Guillaume Kigbafori Soro, Foto: Konstanze N'GuessanAm Abend vor dem Nationalfeiertag gaben der Premierminister und die unabhängige Wahlkommission ein neues Datum für die Wahlen bekannt, die das Land in eine neue blühende Zukunft im Frieden führen sollen. Anlässlich des Tags der Arbeit hatte der Präsident erklärt, dass die Parade verschoben wird, falls vor dem 7. August keine Wahlen stattfänden, was schon zu diesem Zeitpunkt im Mai mehr als wahrscheinlich war. Vor den geladenen Gästen gab es daher nur eine kleine Parade, dann wurden die Nationalorden verliehen und der Präsident machte seine "Kommentare", wie Laurent Gbagbo selbst seine präsidialen Reden bezeichnet. Traditionell hielt er seine Rede an die Nation am 6. August und sprach am Unabhängigkeitstag getreu seinem Stil 'frei nach Schnauze', was ihn zu einem echten Präsidenten des Volks macht. Seine "Kommentare" sind deshalb auch ein Verkaufsschlager an den Ständen mit illegal gebrannten DVDs und illegal kopierten Büchern und Zeitschriften, wie sie sich überall finden, wo die politisierte ivorische Jugend sich zum Debattieren trifft.

Die alte und die neue Premiere Dame: Thérèse Houphouët-Boigny (l.) und Simone Ehivet Gbagbo (r.), Foto: Konstanze N'GuessanAnschließend wurden die Gäste zu einem Umtrunk in den Garten des Präsidentenpalasts geladen. Im Schlepptau des Enkels von Mathieu Ekra, Nationalist der ersten Stunde, gelangte ich ins Allerheiligste. In unmittelbarer Nähe der Präsidentengattin und des Premierministers stieß ich mit einem Glas Champagner auf die Unabhängigkeit und auf die Freiheit der Elfenbeinküste an. Als mehr oder weniger einzige Referenz an den Tag der Unabhängigkeitserklärung, den 7. August 1960, und den ersten Präsidenten fungierte Madame Thérèse Houphouët-Boigny, Ehefrau des 1993 verstorbenen "Vaters der Nation". Ansonsten aber fehlte es dem Fest, das ja ein Erinnerungsfest sein sollte, an den Erinnerten oder jenen, an denen man das Erinnern festmachen könnte. Es wurden keine historischen Szenen nachgestellt und die noch lebenden Zeitzeugen, die aktiv zur Unabhängigkeit beigetragen hatten oder in den Jahren direkt nach der Unabhängigkeit das Land politisch prägten, waren entweder nicht eingeladen worden oder nicht gekommen. Diejenigen, die anwesend waren, wurden an dem Fest nicht aktiv beteiligt. Das galt sowohl für die Zeremonie im Präsidentenpalast als auch für das Kolloquium in Yamoussoukro.

Keine Party mit Zebufleisch also wie in Madagaskar. Und auch kein Gedenken der Architekten der Unabhängigkeit, keine Kranzniederlegung am Grab des ersten Präsidenten, keine Loblieder. Stattdessen stand das Cinquantenaire ganz im Zeichen der Reflexion. Vom 1. bis zum 5. August fand in der Stiftung Houphouët-Boigny in Yamoussoukro als Höhepunkt diverser "reflektorischer Aktivitäten" ein internationales, multidisziplinäres Kolloquium zum Thema "Die Unabhängigkeit und ihre Perspektiven in Subsaharisch-Afrika" statt.

Debatte in Yamoussoukro, Foto: Konstanze N'Guessan

Wissenschaftler aus ganz Afrika, aber auch aus Europa, den USA und aus Asien sollten gemeinsam das "neue Afrika", dessen Geburt der Präsident in seiner Eröffnungsrede voraussah, vorstellen und auf den Weg bringen. Die Elfenbeinküste sieht sich - und zwar über alle Parteigrenzen und sonstige Differenzen hinweg – als Vorreiter für dieses neue, unabhängigere Afrika. Viele Teilnehmer des Kolloquiums hatten nach eigener Aussage ihre Teilnahme zugesagt, um diesen "ivorischen Wind des Wandels" zu spüren. Das Jubiläum der Elfenbeinküste sei nicht nur ein Tag der Erholung, der récréation, sondern ein Tag der Neuerschaffung, der re-création - so Gbagbo in seiner Eröffnungsrede, in der er von der Notwendigkeit einer "totalen Reflexion" sprach.

Die Leitfrage des Kolloquiums: Was haben wir aus den vergangenen 50 Jahren gemacht, und wo wollen wir hin? Françafrique soll sich einer ernsten Bestandsaufnahme unterziehen und insbesondere die an den Euro gekoppelte Währung sowie die Militär- und Wirtschaftsabkommen mit der ehemaligen Kolonialmacht wurden diskutiert. Heiß debattiert wurden im Verlauf des Kolloquiums auch historische Fragen, die mit der "unvollständigen Unabhängigkeit" einhergehen: Wurde die Unabhängigkeit der Côte d'Ivoire erworben oder verliehen? Wie hoch war der Grad an Unabhängigkeit, den man bekam? Warum ist Afrika 50 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung immer noch von Staatskrisen und Putschen gebeutelt, während Länder, die wie etwa Korea in den 1950er Jahren unter ganz ähnlichen Bedingungen starteten, heute ernst zu nehmende Wirtschaftsmächte sind? Die Elfenbeinküste könne noch nicht einmal ihren eigenen Kakao zu Schokolade verarbeiten!

Könnte Afrika einer erneuten Kolonialisierung standhalten?, Foto: Konstanze N'GuessanIn einer der Arbeitsgruppen, die ich besuchte, diskutierten die Teilnehmer beispielsweise, ob Afrika heute einer erneuten Kolonialisierung standhalten könnte und ob die afrikanischen Länder wirklich souveräne Staaten seien. Hier einige Stimmen aus den Debatten, die den Vorträgen im Plenum und den verschiedenen Arbeitsgruppen folgten:

Ausstellung: Bilder der 2004 durch die französische Armee zerstörten ivorischen Luftwaffe, Foto: Konstanze N'GuessanWährend der verschiedenen besuchten Cinquantenaire-Veranstaltungen wurde mir klar: Die Unabhängigkeit des ivorischen Volkes ist im kollektiven Gedächtnis nicht in erster Linie mit der Verkündung der Unabhängigkeit am 7. August 1960 durch Félix Houphouët-Boigny verknüpft. Viel wichtiger sind ganz andere Bilder, tief ins nationale Schmerzerinnern eingeschrieben: der "Friedensvertrag" von Linas-Marcoussis unter der Vermittlung Frankreichs - eine Art "ivorisches Versailles", die Zerstörung der ivorischen Luftwaffe durch die französische Armee im November 2004, die Schüsse auf Demonstranten vor dem Hotel Ivoire und die Stationierung der Soldaten der Operation Licorne vor dem Abidjaner Flughafen.

Für die alten Helden bleibt hier wenig Raum. Die Fotoausstellung zeigte neben den Bildern der zerstörten Luftwaffe auch alte Schwarz-Weiß-Fotos derjenigen, die einst für die Unabhängigkeit der Elfenbeinküste starben.

Plastik des ersten Präsidenten der Elfenbeinküste Félix Houphouët-Boigny, Foto: Konstanze N'GuessanGanz hinten, beinahe versteckt, fand sich eine Plastik von Félix Houphouët-Boigny. Vor ihr kniete ein junger Mann Anfang zwanzig. Er band der Statue die Schnürsenkel und verweilte wie im Gebet. Später traf ich ihn wieder und fragte, was er in diesem Moment gefühlt habe: Der Geist Houphouëts, des großen Visionärs, der fehle dem Cinquantenaire, so der junge Mann. Er habe Zwiesprache mit dem "alten Mann" gehalten und ihm dafür gedankt, dass er selbst heute freier sei, als einst seine Großeltern.

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Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 07.12.2010
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